Samstag, 4. Januar 2014

Wirklichkeit und Effekt

Ich sitze in meiner Küche und höre Bon Iver. Diese Musik mag ich am Allermeisten, gerade abends, weil sie mich daran erinnert wie ich zu Hause in meinem Bett mit einer Tasse Tee und unter einem Haufen Decken an meinem Fenster saß und ununterbrochen geheult habe.
Wie dramatisch romantisch.

I cant make you love me singt es aus den Boxen mir schräg gegenüber. In solchen Momenten wünsche ich mir, ich könnte Klavier spielen. Ich kann nicht Klavierspielen. Eigentlich kann ich nichts besonders gut, tue aber gerne so als könnte ich etwas.

Ich bin vielleicht gut im „als ob“.

Ich fahre also mit meinem Fahrrad die Straße runter, es ist eiskalt, ich habe einen schweren Rucksack auf dem Rücken und tue so, als ob ich eine beschäftigte Studentin wäre.

Bin ich auch, aber bestimmt nicht so beschäftigt wie die anderen, die ständig irgendwelche Projekte machen oder Symposien veranstalten oder irgendwie wichtig und intelektuell rauchend in der Ecke stehen.

Ich bin eher beschäftigt damit, die Fremdwörter nachzuschlagen, die mir Komillitonen in den Seminaren um die Ohren werfen, da strample ich mich ähnlich ab, wie auf meinem Fahrrad.

Dann frage ich mich, was du gerade machst.

Du hast dich in die Berge abgesetzt, für vier Tage, die sich anfühlen wie eine Ewigkeit.

„Wir sollten auch mal in so einem Hotel Urlaub machen“schreibst du mir über das blaue Portal. Ja, bitte. Jetzt sofort. Ich kann zwar nicht Skifahren, aber vielleicht könnte ich so tun als ob.

Bon Iver singt jetzt lauter als vorher, liegt das daran, dass sich mein Gehör an die Lautstärke gewöhnt hat und ich einfach nur jetzt gerade darauf achte wie laut die Musik ist? Oder haben wir hier einen technischen Fehler vorliegen?
Jetzt setzt der Beat ein und meine Härchen stellen sich langsam alle senkrecht.
Wie gut ist das bitte? Wir liegen in der Badewanne und hören Jazz und hinter dir brennt ein Teelicht. Wie gut ist das bitte?
Ich habe manchmal Angst aufzuwachen. Aufzuwachen aus einem Traum, in dem du die Hauptrolle spielst. Wenn ich dann aufwachen würde, wäre alles wie vorher und du wärst nicht mehr da. Alles wie vorher will ich nicht mehr.


Jetzt habe ich umgeschaltet, nun tanzt James Blake durch die Küche.


Schöne Stimme, denke ich und überlege, dich anzurufen.


Wow, wie kann das sein, dass Adrenalin und Euphorie nur von einzelnen, von Maschinen hergestellten Sounds ausgelöst werden kann?

Wie gut ist das bitte?

Wenn ich so die Bilder in meiner Facebooktimeline runterscrolle, denke ich beim Anblick von Serienstills und anderen Bildern mit schönen Frauen drauf, dass ich auch gerne so schön wäre.

„Guck dich halt mal an“ sagst du in solchen Situationen immer und meinst, dass ich mindestens genauso schön bin.

Mir fällt es schwer das zu glauben, ich verstehe nicht so ganz, was du da siehst in meinem Gesicht, in meinem Körper oder wasauchimmerdasseinmag.

Du sagst das jedenfalls ganz schön oft und ich habe Angst, dass du irgendwann damit aufhörst.

Also tue ich einfach so, als ob ich schön wäre und gucke ab sofort nicht mehr in den Spiegel. Schöne Menschen tun das nämlich nie.

Gerade tue ich so als würde ich Wasser trinken, währenddessen tue ich so, als würde ich schreiben, als wäre ich eine fleißige Studentin und ich tue so, als würde mich die Musik irgendwie beeindrucken. Außerdem tue ich so, als wäre ich schön und als würde ich zerzaust und unausgeschlafen in einem viel zu großen Tshirt am Küchentisch sitzen.

Ich tue so, als ob. Das macht alles viel leichter.

Und der Beat schlägt Wellen.

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